Willkommen beim Verein Jagd und Bündnerheimat

Die Gams-Doublette

 

 

Eine Gams-Geiss und ein Gams-Bock.


Nachdem unser Verein Jagd und Bündnerheimat eine eigene Homepage besitzt, möchte ich in der Rubrik "Jagd-Geschichten" als erster meine Erlebnisse der Bündner Jagd veröffentlichen.

Der Tag des 20. Septembers 1993 ging für mich in die Geschichte ein. Dieser Tag war von einem Jagderfolg gekrönt, der bis heute in Erinnerung ist und bis in die Ewigkeit in Erinnerung bleiben wird. Doch nun aber eines nach dem anderen.

Piz Buin in der Abenddämmerung...

Piz Buin in der Abenddämmerung...

An diesem Morgen ist der Vater meiner Schwägerin, mein Bruder und ich sehr früh aufgestanden. Das Gebiet, in dem wir auf Gamsjagd Waidwerken wollten, heisst Oberalpstock und liegt zwischen Uri, Tessin und Graubünden. Dieses Gebiet beheimatet mehrere Dreitausender, alle mit reichlich Schnee ausgestattet. Wir waren um fünf Uhr dreissig aufgebrochen. Das Wetter war uns wohlgesinnt. Vom Oberalp-Pass weg führte der Weg uns hinauf zur Val Maighels zum Toma-See. Ja – genau dort, wo die Wiege des Rheins ist, da wo die Rheinquellen entspringen. Der Aufstieg begann zuerst recht harmlos, infolge des Wanderweges für die Touristen, die die Rheinquellen besuchen wollen. Bei der Alp Maighels angekommen mussten wir links in das Seitental Val Curnera abbiegen. Von da an war kein Weg und kein Pfad vorhanden. Dieses ca. 14 km lange Tal war mit Felsen, Legföhren und grössere Steine, umsäumt von dichtem Gestrüpp waren vor uns.

Nach zwei Stunden Aufstieg hatten wir zum ersten Mal Anblick. Mehrere Böcke waren im Hohllicht auszumachen. Unsere Aufmerksamkeit galt jedoch zuerst der Gams-Geiss. Unser Jagdgesetzt schreibt vor, dass zuerst eine nichtsäugende Gams-Geiss erlegt werden muss, bevor dann der Bock gestreckt werden kann. Dies, damit das Geschlechter-Verhältnis ausgeglichen bleibt. Da plötzlich sah Flurin (der Vater meiner Schwägerin) eine Geiss. Wir hielten inne, schnallten unsere Rucksäcke runter und bereiteten uns für ein längeres Ansprechen vor. Das Fernrohr Modell Optolyth mit 20-60 Fach Vergrösserung hatte ich auf ein kleines Dreibeinstativ festgeklemmt. So konnte ich diese Gams-Geiss aus ca. 500 Metern ansprechen. Eine ausserordentliche Geiss stand da auf einem Felsvorsprung. Wir befanden uns auf ca. 2500 Meter über Meer. Und diese Gams war garantiert zweihundertfünfzig oder dreihundert Höhenmeter weiter oben... So wie Flurin dieses Tier angesprochen hatte, war es eine alte Gelt-Geiss. Wir konnten kein Kitz ausmachen. Also entschieden wir uns, den Aufstieg bis auf Schussposition (max. 150 Meter) heranzukommen.

Es dauerte mehr als eine Stunde, bis wir annähernd an die Geiss herangekommen waren. Die Luft war merklich dünner, kein Wunder, bei einer Höhe von ca. 2800 Metern. Der Wind wehte uns ins Gesicht, also gute Voraussetzungen. Doch es kam, wie es eigentlich kommen musste, die Geiss hatte uns eräugt und machte sich auf, in weitere Höhen hinaufzuziehen. Die Schläuche konnten wir als lange und gleichmässige ausmachen. Also, nichts als hinterher. Diese schlaue Hexe, so nannten wir nun unsere Geiss, hatte uns ein Schnippchen geschlagen, sie war unterdessen durch einen Couloir hinüber gequert um dann senkrecht hinunter zu klettern. Als wir an der frischen Losung angekommen waren, konnten wir noch die Pfiffe der Geiss hören. Sie war unterdessen ca. vierhundert Höhenmeter tiefer als wir! „Das gibt stramme Waderln...“ sagte ich zu Flurin. Er lachte nur.

Zwölf Uhr mittags und ein Riesenhunger. Brotzeit war angesagt, damit wir auch bei Kräften blieben. Schinken, Speck, Vollkornbrot, Bananen und noch ein Stück Schweizer Schokolade, und mein Zuckerspiegel war wieder im Lot. „Wir lassen die Hexe einen Moment in Ruhe, sie wird sich über die Mittagszeit sicher niedertun“ sagte Flurin. Er war einer der besten Gamsjäger, mit denen ich Waidwerken durfte. Ein wahrer Meister seines Faches!

La Greala...

La Greala auf 2'530 M.ü.M.

Eine Stunde später entschieden wir, die Gams nochmals anzugehen. Also, wieder dreihundert Höhenmeter runter. Wir blieben diesseits des Couloirs. Immer wieder beobachtend, was die Hexe so tat. Wir hatten Bergwind, ideale Voraussetzungen. Sie war immer noch nieder, so dass wir ganz langsam an sie heranpirschen konnten. Flurin kannte dieses Gebiet wie seine Westentasche. Dank seines Wissens konnten wir die Topographie zu unseren Gunsten nutzen. Und dann, als Flurin seinen Kopf ganz langsam über einen Felsvorsprung hinausstreckte, sah er die Hexe. Wir waren ca. 90 Meter über ihr! Er machte mir ein Zeichen, dass ich mich bereit machen solle. Ich nahm meine Blaser SR88/850 in die rechte Hand und den Rucksack, vorher abgenommen, in die linke Hand. Ganz langsam schob ich den Rucksack zur Felskante hinaus. „Wahnsinnig – ein steiler Schuss bergrunter...“ dachte ich mir. „Wie war das schon wieder, Berg rauf – Berg runter???“ Dabei konzentrierte ich aufs Zielen. Unterdessen kam die Geiss hoch. Irgendwie musste sie uns bemerkt haben. Das Fadenkreuz meines S&B 1.5-6x42 fand das Ziel, ich entsicherte die Waffe, fasste Mut und liess fliegen. Die Kugel war raus, meine Brille war verrutscht, dabei hatte ich die Waffe richtig in die Schulter genommen. Aber bei unserem Kaliber 10.3x60R ist so manches Veilchen entstanden... Flurin sagte „Getroffen – du hast die Gams gut getroffen“. Ich konnte immer noch nicht erkennen, weil die Brille immer noch nicht richtig auf der Nase sass. Steine polterten längst dem Couloir hinunter, die Gams lag nach wenigen Metern. „Ein Meisterschuss – auf ca. 110 Metern Distanz, bei fast 80 Grad Gefälle. Genau um drei Uhr nachmittags, also ca. sechs Stunden, nach dem wir sie zum ersten Mal gesichtet hatten, konnte ich ihr die Kugel antragen...

Als wir bei der Geiss ankamen, kontrollierte ich das Gesäuge. Sie war gelt. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Die Hexe lag zu unseren Füssen, der Treffer war von oben direkt durch den Rücken, durch den rechten Lungenflügel und durch das Herz. Die Hexe war bereits stark abgekommen. Gerademal 14 kg Aufbruchgewicht brachte sie auf die Waage. Aber das Alter war biblisch – wir konnten 18 Jahresringe ausmachen. Die vorderen Schaufeln waren bis auf das Zahnfleisch abgenutzt. Die Molarzähne waren sehr stark abgeschliffen. Flurin sagte, dass diese Gams wohl den Winter nicht überlebt hätte. Also, sogar ein Hegeabschuss. Die Schläuche waren von einer traumhaften Länge!

Nach der erledigten roten Arbeit hiess es hinaus in Richtung Tal. Dabei mussten wir wieder zweihundert Höhenmeter überwinden, ehe wir einen alten Säumerpfad benutzen konnten. „Reto – wenn wir unterwegs einen guten Bock sehen, dann wirst du auch diesen anpirschen – klar!“ sagte Flurin. Ich keuchte „... aber nur vielleicht...“ antwortete ich. „...wir sind ja schon erfolgreich...!“ fuhr ich fort. Die Waffe hatte ich nicht mehr mit einer neuen Patrone geladen.

Nach einer Stunde Fussmarsch durchquerten wir ein Bergbach. Hoch oben auf einen riesigen Felsen stand plötzlich ein prächtiger Gams-Bock. Nach kurzem Ansprechen war uns klar, da stand ein stattlicher Bock. „Reto – gib mir die Gams-Geiss, mache dich bereit, während ich wie ein Tourist mit Rucksack und Proviant weiter den Pfad laufe...“ sagte Flurin. Ich schüttelte den Kopf, er aber sah mich forsch an... „OK – ich lade ja schon eine Patrone...“ stammelte ich. Hinter uns lagen mehrere Kilometer Pirsch und Marsch und mehrere hundert Höhenmeter. Ich war müde, aber eines hatte ich gelernt: wenn ein erfahrener Jäger was sagt, dann musste man als Jungjäger den Rat befolgen. Ich pirschte nicht mehr als 80 Meter hinauf zu einer Mulde. Danach machte ich mich bereit, ging sitzend in Schussposition, indem ich meinen Pirschstock zwischen den Kniegelenken eingeklemmt hatte. Gleichzeitig beobachtete ich, wie Flurin mit Gepäck nach 200 Metern geradewegs hinauf zum Bock hochkletterte. Dieser quittierte diese Annäherung mit Pfiffen und dann verabschiedete er sich. Dabei kam er geradewegs auf mich zu. Auf einem Vorsprung verharrte er einen Augenblick. Genau so lang, wie ich brauchte, die Waffe zu entsichern und in Anschlag zu nehmen. Ich liess an diesem Tage ein zweites Mal fliegen, der Bock zeichnete und brach sofort tödlich getroffen zusammen. Er rutschte auf diese Flechten wie eine Rutschbahn hinunter. Ein wahrer Prachtkerl. Genau 7 ½ Jährig war dieser Bock. Im bestem Alter. Ein für unsere Verhältnisse sehr starker Bock mit 28 kg Aufbruchgewicht. Die Doublette war mir gelungen. Es war wie in einem Traum. Ich konnte nicht fassen. Ich kniff mir mehrere Male an die Wange. Ein sauberer Kammertreffer streckte diese Gams.

Ein völlig erschöpfter Jäger...

Ein völlig erschöpfter Jäger...

Die Masse der erlegten 18½ jährigen Gams-Geiss betragen: rechter Schlauch 23.1 cm, linker Schlauch 23.0 cm, das Gewicht wurde mit 14 kg als eher schwach angegeben. Der Basisumfang rechts beträgt 6.8 cm, links 6.7 cm. Die Auslage beträgt 12.1 cm und die Höhe der Krucke von der Schädelnaht zwischen den Schläuchen bis zum höchsten Punkt beider Schlauchkrümmungen beträgt 17.2cm. Die Krucke wurde mit 92.35 Punkten bewertet, was bei uns als Silbermedaillen-Klasse honoriert wird. Diese Wertung entspricht nicht der CIC-Wertung. 

Gams-Geiss...

Die Masse des erlegten 7½ jährigen Gams-Bockes betragen: rechter Schlauch 22.9 cm, linker Schlauch 22.8 cm. Das Gewicht wurde mit 28 kg als sehr stark bewertet. Der Basisumfang rechts beträgt 8.4 cm, links 8.3 cm. Die Auslage beträgt 10.3 cm und die Höhe beträgt 15.1 cm. Diese Bock-Krucke wurde mit 91.80 Punkten bewertet. Diese Wertung entspricht nicht der CIC-Wertung! Alles in allem zwei schöne Trophäen, die der Jäger noch lange Freude daran haben wird.

Gams-Bock...

 

Links die Geiss, rechts der Bock...

Links die Geiss, rechts der Bock...

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