Erfreulicher Auftakt zur Bündner Hochjagd

von VJBH Administrator erstellt am 16.09.2020

Im ersten Block der Hochjagd wurde eine gute Jagdstrecke erzielt, trotz vieler Störungen. Entsorgt wurden Wildschweine – sie waren radioaktiv verstrahlt.

Nach den ersten zehn Tagen der Hochjagd zieht Jagdinspektor Adrian Arquint ein erstes positives Fazit: «Sowohl beim Hirsch und Reh als auch bei den Gämsen wurden recht gute Jagdstrecken erzielt.» Einzig im Domleschg, im hinteren Schanfigg, in der Bündner Herrschaft und um Seewis wurden deutlich weniger Hirsche erlegt.

Dies hängt gemäss Arquint auch damit zusammen, dass der Hirschbestand wegen Wild-Wald-Konflikten reduziert wurde. Und weil die Hirsche erst spät vom Vorarlberg in die Bündner Herrschaft und ins vordere Prättigau zuwanderten. Gut bis sehr gut war gemäss Arquint die Gämsstrecke.

Bezeichnend war in diesem ersten Block der Hochjagd, welche am 3. September begonnen hatte, dass meist spätsommerlich warmes Wetter herrschte. Zudem wurde der Jagdbetrieb teils spürbar stärker gestört – weil sich mehr Freiluftbegeisterte draussen aufhielten. «Es waren viele Pilzler, Bikerinnen, Gleitschirmflieger, Wanderinnen und Trail Runner unterwegs», sagt Arquint. «Das mag auch damit zusammenhängen, dass viele coronabedingt Ferien vor der Haustüre machten.»

Während der drei Tage, an denen Kronenhirsche erlegt werden durften, wurden in ganz Graubünden 32 stolze Hirschstiere geschossen. «Auf die Gesamtbilanz haben diese eine geringe Auswirkung», so Arquint. «Aber als Teil der Jagd sind sie Motivation für die Jägerinnen und Jäger, den Abschussplan zu erfüllen.»

Dieser ist auch diesen Herbst wieder hoch: Insgesamt 5560 Hirsche sollen die rund 5500 Waidmänner und -frauen erlegen. Die Jagdstrecke zum Auftakt der Hochjagd mag Jagdinspektor Arquint deshalb nicht zu stark gewichten. «Die Jagd dauert mit der Sonderjagd bis im Dezember», betont er.

Beim Reh- und Gamswild merkt man gemäss Arquint, dass der vergangene milde Winter weniger Fallwild verursacht hat. Demgegenüber hat sich die Gamsblindheit hauptsächlich um Vals und in der Val Lumnezia ausgebreitet sowie vom Heinzenberg bis Rhäzüns.

Jägerschaft profitiert vom Wolf

Positiv wertet Arquint auch die teilweise Öffnung der Wildasyle. Eine Massnahme, welche diesen Herbst zum zweiten Mal eingesetzt wird, um die Jagdstrecke zu steigern.

In gewissen Regionen hatte auch der Wolf eine positive Wirkung auf die Jagd. «Das Wild hat sich dadurch in gewissen Regionen stärker im Lebensraum verteilt. Davon hat die Jägerschaft teils profitiert», sagt Arquint.

Erstmals untersucht werden in diesem Jahr die erlegten Wildschweine. Und zwar wird gemessen, ob das Wildbret radioaktiv verstrahlt ist, die festgelegten Cäsiumgrenzwerte also überschritten werden.

Im Kanton Tessin, wo jährlich 800 bis 1000 Wildschweine geschossen werden, ist diese Messung seit Jahren Standard. Denn über 30 Jahre nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl im Jahr 1986 wurden im Tessin erhöhte Cäsiumwerte im Wildschweinfleisch nachgewiesen.

In Graubünden wurden dieses Jahr bislang 15 Wildschweine auf der Hochjagd erlegt – wobei erstmals ein Wildschwein im Puschlav vor die Flinte lief. Die Tiere breiten sich somit also gemäss Arquint von Italien über die Mesolcina und das Calancatal bis ins Puschlav aus.

Doch zurück zur Radioaktivitätsmessung: «Von den 14 in der Mesolcina erlegten Wildschweinen musste die Hälfte beschlagnahmt und entsorgt werden, weil die Höchstwerte für Cäsium überschritten wurden», erklärt Arquint.

Wildschweine stärker belastet als im Tessin

Überrascht von diesem Ergebnis ist Giochen Bearth, Vorsteher des Amtes für Lebensmittelsicherheit und Tiergesundheit. Dieses leitet die Messungen. «Im Tessin weisen übers Jahr verteilt jeweils höchstens fünf Prozent der Wildschweine zu hohe Werte auf», sagt Bearth. «Die grosse Abweichung zu den Messungen in Graubünden ist noch nicht im Detail erklärbar.» Es sei möglich, dass die zehnmal höheren Werte daher rührten, dass in Graubünden bis jetzt nur in einer kurzen Zeitspanne die Werte erhoben wurden. «Und dass es da eine saisonale Spitze gibt», so Bearth.

Eine andere mögliche Erklärung ist laut Bearth, dass sich die radioaktive Wolke vor allem über bestimmten Regionen des Tessins und der angrenzenden Mesolcina entleert hat.

Auch wenn das beschlagnahmte Wildbret über dem Grenzwert lag, besteht für den Menschen keine unmittelbare Gefahr. «Dafür müsste man sehr viel verstrahltes Fleisch über längere Zeit essen», erklärt Bearth.

Dass Wildschweine überhaupt radioaktive Stoffe in ihrem Körper anreichern, hängt mit ihrem Fressverhalten zusammen: Die Tiere wühlen im Boden und futtern gerne Pilze, vor allem sogenannte Hirschtrüffel. «Diese weisen eine besonders hohe Konzentration an radioaktiven Stoffen auf», so Bearth.

Quelle: Artikel von Ursina Straub auf der Website der "Südostschweiz"→ vom 16. September 2020.

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